Unser aller geliebtes Muxtape ist gerade ein wenig sterblich, da hüpft auch schon ein neues Wort durch die hiesige Musiklandschaft und verbreitet sich wie ein Phantom: Electremo - eine Mischung aus Electro und (jetzt kommt’s) Emo. Vorreiter dieser jungen Richtung sind zum Beispiel Metro Station, Play Radio Play und Plushgun. Knuffige Bands also, die wir ab jetzt wohl des Öfteren in den dunklen Ecken am Alex und der Krabbelecke im Knaack hören werden.
Na gut, ihr kleinen Nervensägen, ihr habt gewonnen. “Marci, bist du bei Studi?” “Nein.” “Marci, bist du bei Studi?” “Nein.” “Marci, bist du bei Studi?” “Neieen.” Und von wegen tolle Leute kennen gelernt, die nur bei Studi sind und Hannahs Fotos anschauen und blablabla.. Also gebe ich hiermit feierlich bekannt, dass ich auf Knien wieder zurück in die StudiFotze gekrochen bin. Olé. Seid ihr jetzt zufrieden? Und wehe ihr addet mich nicht alle als Freund, gruschelt mich in Grund und Boden und schreibt mir aufklärende Texte über Prinzipien, Rückgratlosigkeit und Mitläufertum auf die Pinnwand. Los, hopp hopp! Und in der Zwischenzeit könnt ihr mir verraten, welche Gruppen gerade so in sind und zu mir passen würden. Nennen wir meine Studi-Abstinenz bitte einfach “vorübergehende Sommerpause”. Ok? Danke.
In meinem Kopf war der Dritte Weltkrieg ausgebrochen. Als ich widerwillig meine verdreckten und verklebten Augen öffnete und mich zur Seite drehte, hatte ich Lenas nackten Arsch im Gesicht. Und auf dem saß schnurrend ihre dämliche, dreibeinige Katze. Es hämmerte, ich hörte Bomben, überall in meiner Birne gab es Explosionen und ein chinesisches Feuerwerk der Extraklasse. Das Sonnenlicht brach sich in Millionen von Farben. Mir wurde schlecht.
Im ganzen Raum verteilt lagen leere Wodka- und Bierflaschen herum. Ich stöhnte, grunzte fast, und versuchte mich aufzusetzen, was mich unfreiwillig dazu brachte, fast von dem scheiß Bett zu fallen. Mir gelang es gerade noch, mich mit einer entblößten Pohälfte auf dem Nachtkästchen aufzufangen, was wiederum den Wecker aus grünem Glas aus dem Gleichgewicht brachte. Damit war auch sein Ende gekommen. Ich konnte förmlich zusehen, wie er in Zeitlupe gen Boden stürzte und mit einem lauten Scheppern auf dem Laminatboden in tausend Einzelteile zerbrach.
Mein interner Anteil an Restdrogen ließ diesen, mir Stunden erscheinenden Flug, in bunten Formen, Gerüchen und Melodien erstrahlen und es schien so, als hätte mir der Wecker kurz vor seinem Aufprall noch zugezwinkert und ruhig zugeflüstert: „Alles wird gut, Marcel.“ Der Lärm ließ die Katze erwachen, die mich mit dem bösesten Geräusch der Welt anfauchte. Ich rotzte ihr ins Gesicht und stand auf. Welcher Idiot kauft sich schon einen Wecker aus Glas. Dumme Kuh.
„Alter, mach mal nicht so einen fuckin‘ Lärm.“ Ich drehte mich zur Seite und sah Peter auf der roten, versifften Couch liegen, auf der schon so manches Unglück geschehen war. Auch seine Klamotten lagen sonst wo verteilt und er machte keine Anstalten seine eklige Morgenlatte, die er stramm in meine Blickrichtung hielt, mit irgendwas zu verdecken. An der hätte ich glatt seine blöde Amiland-Flagge hochziehen können. Der General in meinem Schädel ließ die Hose runter und salutierte. „Zieh dich an, du Sau, ich geh mal kotzen.“, rief ich Peter zu und torkelte ins Bad.
Peter. „Wie der Typ aus Heidi, nur mit nem I, statt ‘nem E. So American Style halt.“ Du Depp. Peter mit I wurde vor einigen Jahren mit einem Müllfrachter direkt aus California nach Berlin importiert, war so ein typischer, ekliger, schleimiger, blonder, braungebrannter Beachboy mit Muschelkette und Schwertfischtattoo, der sich seine Fitnessstudio- und Asitoasterbesuche als Bademeister und Surflehrer verdiente. Total abartig. Dafür hatte er ‘nen kleinen Pimmel, so.
Ich rieb mir meine armen Äuglein und musste feststellen, dass ich die Hälfte meiner Infanterie neben der Toilette freigesetzt hatte. Ich stutzte kurz, machte die anhaltenden Bombenangriffe in den höheren Gefilden dafür verantwortlich und stapfte in die Küche, um mir ein paar Cornflakes zu machen. „Oh man ihr Wichser, hab ich Stefan schon wieder mit euch beiden asozialen Säcken betrogen?“, hörte ich hinter mir eine krächzende Rabenstimme.
Der Klang schmerzte, diese feengleiche Wortwahl konnte nur von Lena stammen. Studiert irgendwas, ist der Liebling ihrer Schwiegermutter und mehrfache Mutter von zwei liebreizenden, behinderten Kätzchen (Eva und Göbbels), von denen die erste nur im Umfallen gut war und die andere zu fett zum Sitzen war. Göbbels lag die ganze Zeit in ihrer gelben Ecke, sah aus wie ein überbackener Fußball und jaulte ausnahmslos nur dann, wenn man ihr einen Turnschuh hinwarf, um zu testen, ob sie denn noch am Leben war.
„Ja und, heul doch, dein Mann ist ja auch ein Vollhorst.“ Sie nahm ihren Spiegel und den einzigen Zwanziger im Haus und zog sich erst einmal `ne Line, während ich überglücklich über meine mit Zimt überzogenen Cornflakes war. Ich hätte die Welt umarmen können, so lecker waren die. Diese aromatisch ausgewogenen, süßen kleinen Dinger. Jeder Bissen ein Vergnügen. Nur die Milch, die war schon schlecht und hatte Klumpen. It‘s not a bug, it‘s a feature. „Na und, dafür ist er reich und hat Kohle.“
Sie verzog das Gesicht, schaute mich innig an. Mir blieben die Cini Minis im Hals stecken, so bohrend war dieser Blick. Und mit einer gewaltigen atomaren Zündung nieste sie das ganze teure Koks über den Küchentisch. „Bist du bescheuert?! Ich bin allergisch gegen Zimt, du Arsch! Komm mir mit dem Zeug nicht zu nahe!“ Sie war außer sich, schmiss den Spiegel nach mir und ging erst mal mit der Katze masturbieren. Die gehbehinderte war heute dran. Sie knallte die Tür hinter sich zu. „Ihh, verdammt wie sieht‘s denn hier aus?!“. Ruhe. Kurz darauf konnte man eine stöhnende Lena und die fast schon mitleidig jaulende Eva hören.
Ich holte meine Klamotten, salutierte noch kurz vor Peters Lättchen und stürmte dann aus Lenas rosanem Drogenpuff. Gott, war ich froh, dass ich aus dieser Irrenanstalt raus war. Die Sonne schien mir direkt ins Gesicht, am Ende der Straße konnte ich den Fernsehturm sehen, der mich unweigerlich an Peters morgendliche Überraschungseier erinnerte. Ich setzte meine überteuerte Designersonnenbrille auf und spazierte die mit saftig grünen Bäumen bepflanzte Allee hinab. Es war kurz vor 10, ich würde mal wieder zu spät zur Arbeit kommen. „Taxi!“
Das viel zu kurze Wochenende, an dem so viele beschwipst bekloppte Sätze gefallen sind, dass man dadurch ‘ne ganze unlimitierte Studi-Gruppenliste vollbekommen könnte, verbrachte ich mit meiner zukünftigen Vormieterin Lisa und ihren etwas durchgeknallten Leuten in Wedding und Umgebung. Wir brunchten leckerflockig zusammen, mit Svenja und Meike trällerte ich traurige Liebeslieder aus “Corpse Bride” und schön besoffen spielten wir dann mitten in der Nacht noch bescheuerte Zettelspielchen in Connys neuer Wohnung. Im 2BE Club hab ich dann sogar Rubi-Rubi-Ruben getroffen (der wohl der Einzige auf der Welt ist, der um 5 Uhr morgens mit ‘ner Sonnenbrille in ‘nem Hip Hop-Club rumrennt).
Außerdem hab ich ‘nem Penner das Leben gerettet, endlich angefangen ein Buch zu schreiben (auf mehrfachen Wunsch, wird so um das Jahr 2025 erscheinen, wenn ich mit meinem Tempo so weiter mache wie bisher) und darf von keinem Staat dieser Welt zur Rechenschaft gezogen werden, wenn noch irgendwer in meiner Nähe das sowieso schon überstrapazierte Wort “kreativ” missbraucht und ich denjenigen deswegen leider von ‘nem Hochhaus kloppen muss. Danke, das war das Wort zum Sonntag. Schöne Decke übrigens. Ich geh mal pennen.
Und auch heute ist es mal wieder soweit. Draußen schifft es nämlich wie in Strömen und was gibt es deshalb schöneres, als sich mit einem guten Muxtape unter der Bettdecke zu verkriechen. Unter anderem bringen euch diese Woche Slow Down Tallahassee, Sam Sparro und Bo Pepper in Stimmung und ein kleines, etwas aus der Reihe tanzende, Extraschmankerl gibt’s auch noch. Tja, Ohrwürmer halt. Und das alles hier auf meinem hochoffiziellen Muxtape.
Marcel Winatschek lebt in Berlin und arbeitet dort als Webdesigner bei der renommierten aperto AG. Er ist süchtig nach digitalem Design, Apfelschorle und Käsekuchen. Nachts springt er entweder durch die Stadt, arbeitet als freier Schreiberling, entdeckt Monkey Business in seinem Schlafzimmer, umarmt Menschen, hasst Menschen, erschreckt Menschen, bewirft Emos mit nach Pfirsich schmeckenden Donuts in einem naheliegenden Coffee Shop oder macht andere heitere, gesunde Dinge.